Solidarität statt Ohnmacht

Ich scrolle durch die Nachrichten, und mein Herz zieht sich zusammen.
Iran: Frauen und Männer gehen auf die Straßen, rufen „Frau, Leben, Freiheit“. Tausende sterben. Das Internet ist abgeschaltet, damit die Welt nichts sieht.
Syrien: Kurden und Jesiden werden erneut vertrieben.
Ukraine: Ein Krieg, der nicht endet. Wir haben uns fast daran gewöhnt – und genau das ist vielleicht das Schlimmste.
Sudan: Eine humanitäre Katastrophe, über die kaum jemand spricht.
Tansania: Junge Menschen kämpfen für ihre Zukunft.
Und ich? Ich sitze in meinem warmen Haus und frage mich: Was kann ich tun? Was kann ich bewirken?

Ich sehe die Bilder aus dem Iran: Frauen nehmen ihr Kopftuch ab. Sie tanzen. Sie singen. Sie wissen, dass sie dafür sterben können – und tun es trotzdem.
Das ist keine abstrakte Politik. Das sind Menschen wie du und ich. Mütter. Töchter. Frauen, die einfach frei sein wollen.

Ohnmacht ist eine Lüge

Ohnmacht ist eine Lüge, die wir uns erzählen. Nicht aus Faulheit oder Gleichgültigkeit, sondern weil die Wahrheit überwältigt. Unser Nervensystem sagt: Das ist zu viel. Mach die Augen zu. Scroll weiter. Denk an etwas anderes.
Das ist menschlich. Das ist Selbstschutz.
Aber es ist nicht die ganze Wahrheit.
Die Wahrheit ist: Wir sind nicht machtlos. Wir fühlen uns nur so.

Was können wir tun?

  1. Hinsehen. Nicht wegscrollen. Die Geschichten hören. Schon das ist Widerstand gegen Gleichgültigkeit.
  2. Reden. Mit Freundinnen, Familie, in sozialen Medien. Nicht als Expertin – das bin ich auch nicht. Sondern als Mensch, der sagt: Das geht mich etwas an. Das geht uns alle etwas an.
  3. Konkret helfen. Es gibt Organisationen, die vor Ort arbeiten:

Die eigene Freiheit nutzen. Wir leben in einem Land, in dem wir sagen dürfen, was wir denken. In dem wir demonstrieren und wählen können. Das ist ein Privileg – und Privilegien verpflichten.

Ich arbeite mit Frauen, die gelernt haben, sich klein zu machen. Ihre Stimme zu dämpfen, ihre Bedürfnisse zu verdrängen, unsichtbar zu sein – damit andere sich groß fühlen.
Ich sehe: Das ist nicht nur persönlich. Das ist politisch.
Jede Frau, die lernt, ihre Stimme zu erheben, verändert etwas. In ihrer Familie. In ihrer Umgebung. In der Welt.
Die Frauen im Iran wissen das. Sie riskieren alles.
Und wir? Wir könnten wenigstens das Risiko eingehen, unbequem zu sein. Laut zu sein. Sichtbar zu sein.

Solidarität ist ein tägliche Entscheidung

Ich will ehrlich sein: Ich habe keine Lösung für die Weltlage. Ich kann den Krieg in der Ukraine nicht beenden. Ich kann die Mullahs im Iran nicht stürzen. Ich kann die Jesiden nicht beschützen.
Aber ich kann mich weigern, wegzuschauen.
Ich kann meine Stimme nutzen – die Stimme, die ich so lange selbst nicht gehört habe.
Ich kann Solidarität zeigen. Nicht als große Geste, sondern als tägliche Entscheidung.

Solidarität heißt nicht: Ich rette dich.
Solidarität heißt: Ich sehe dich. Ich höre dich. Du bist nicht allein.
Manchmal ist das alles, was wir geben können. Und manchmal ist es mehr, als wir denken.

Wenn du dich fragst, was du tun kannst, hast du schon begonnen. Du hast hingehört. Du hast dich berühren lassen.
Der nächste Schritt kann klein sein: ein Gespräch, eine Spende, ein Post, ein Brief.
Oder einfach: Heute Abend bewusst an die Menschen denken, die für ihre Freiheit kämpfen. Eine Kerze anzünden. Einen Moment innehalten.
Das mag klein wirken. Aber aus vielen kleinen Momenten entsteht etwas Großes.

Nutze deine Stimme.

Bild: Envato